Demirel, Molla


Picture(c) by Safiye Can
ATYG-Versammlung, Gelsenkirchen-Buer, 2013

Molla Demirel, 1948 in Akcadag/Türkei geboren. Nach dem Abitur studierte er Literaturwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule in Diyarbakir. 1972 kam er nach Deutschland und belegte an der Fachhochschule Lüneburg den Studienzweig Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt „Sozialarbeit mit Ausländern“. Um die Situation der ausländischen Mitbürger in Deutschland besser verstehen zu können, arbeitete er für einige Zeit in einer Chemiefabrik. Heute ist er als Medienpädagoge und Sozialarbeiter tätig. Neben der literarischen Arbeit fotografiert er und beschäftigt sich mit türkischer und deutscher Literatur der letzten 50 Jahre. Demirel wurde in der Türkei und in der BRD mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Bisher hat er acht Bücher veröffentlicht, zahlreiche seiner Arbeiten wurden in Anthologien und Literaturzeitschriften aufgenommen. Demirel lebt seit 1972 in Münster.

Literaturpreise und Auszeichnungen, u.a.:
1- Literaturpreis des Dichters Yazar Ibrahim Yildiz , Literaturzeitschrift Kiyi / Zonguldak 1996
2- Literatur- Kunst und Friedens-Preis, Zeitschrift Yenigün / Stuttgart 1998
3- Preis für Literatur, Kunst und Völkerverstädigungs / Zeitschrift – Stimme der Aleviten, Köln 2000
4- Münster Nadel  /2013

Gedichte: 
– Zwischen den Mühlsteinen / Dünyam Iki Degirmen Tasi, Deutsch/Türkisch,(Ortadogu Verlag, Oberhausen, 1987)
– Aus der Ferne bin ich gekommen / Bir Uzak Yerden Geldim (Memleket Yayinlari, Ankara, 1989).
– Die Farbe der Liebe/ Sevdanin Rengi, (Evrensel Kültür Yayinlari, Istanbul, 1993 und 2. Auflage : Toplum Yayinlari, Ankara, 1995).
– Das Lächeln des Tages / Günün Gülüsü (Kedi Kitapligi- Akdeniz Yayinlari, Antalya, 1994).
– Der Kirschenzweig und mein Leid / Kiraz Dali ve Acilarim, Deutsch/Türkisch, Sanatyapim Yayincilik, Ankara, 1996 )
– Blatt für Blatt Gedichte / Yaprak Yaprak Siir, Deutsch/Türkisch,(VerlagAnadolu, Hückelhoven, 2001)
– Von der Kunst bishin zur Liebe / Sanattan Sevgiye, ElvanYayinlari, Ankara, 2009

Erzälungen/ Prosa: 
– Sevgis Träume/ Sevgi’nin Düsü, Sanatyapim Yayincilik, Ankara, 1996
Einwanderung, Zorn und Blut, Göç, Öfke ve Kan, Sanatyapim Yayincilik, Ankara, 1997
Friedenslieder/ Baris Agiti, Sanatyapim Yayincilik, Ankara, 1997
– Ein Geheimnis der Liebe / Erzählungen, Schulbuch- Verlag Anadolu, Hückelhoven, 2006
– Elif und die Delfine, Erzählung für Kinder, Elvan Yayinlari,  Ankara,  2009

Internetprofil: mollademirel.com

Kontakt: mollademirel (at) gmx.de

~~~~~~~~~~~~~~~Leseprobe~~~~~~~~~~~~~~~

MEINE EUROPÄISCHEN GESCHWISTER
(Gewidmet den Opfern des Faschismus)

Ah Ihr, wie Blumen seid Ihr
meine europäischen Freunde.
Wir alle sind aus einer Erde erschaffen.
Die Augenblicke unseres Lebens
bestehen aus Lachen und Tränen,
die sich süß und bitter ineinander vermischen.
Stürmisch vergehen meine Nächte.
In ihnen werde ich Dir entrissen.
Sie jagen mich mit Hunden
und entreißen die Kinder
aus dem Schoße ihrer Mutter
und werfen sie ins Feuer.
Und Du?
Du schweigst.

Meine europäischen Freunde, die ihr
Die Kinder und Schildkröten in Afrika
und Asien beschützt,
Warum habt Ihr soviele Vorurteile,
Seid mir ein solcher Freund,
Seid mir ein solcher Feind?
Die hallenden Schreie der Kinder aus brennenden Häusern
und die von Ihrer Heimat entrissenen
und verbannten Neugeborenen,
ihre Stimmen fließen wie ein Fluss in den Himmel.
Erde und Himmel sind erfüllt von Schmerzen.
Und Ihr?
Ihr verschließt Eure Ohren.

Ah meine Freunde, glaubt mir
Alle aus Anatolien stammenden Völker,
Türken, Kurden,
Lazen, Armenier,
Juden, Araber
Ihr Fleiß steckt auch in Eurem Brot
Wie Ameisen arbeiten sie in der neuen Heimat
Eine Zukunft in Liebe
und Frieden errichten sie mit Euch.

Mit ihren wie der blühende Frühling ertragreichen Händen
In Absicht, das letzte Leib Brot mit anderen zu teilen,
Stehen sie Euch nahe wie leibliche Geschwister.
In Ihren Händen tragen sie Nelkensträuße
Und reichen euch eine Welt erfüllt von Frieden und Freundschaft.
Wie könnt ihr das vergessen meine Freunde?
Wie könnt ihr euch so verschließen?
Meine Schweißtropfen fügte ich hinzu zu Euren.
Blumen schmücken die Erde,
Die wir gemeinsam mit unseren Schweißtropfen gegossen haben.

Über Euer Glück habe ich mich immer mit Euch gefreut.
Brav stand ich immer am fließenden Band der Maschinen,
Vermischte meine Nächte in die Tage,
Damit auch Ihr ein Leben in Wohlstand erreicht.
Im Wasser, dass Ihr trinkt,
In der Suppe, die Ihr löffelt,
Im Bett, in dem Ihr ruht,
Ja da stecken auch meine Schweißperlen.
Meine Hände gab ich Euch,
Damit Eure Hände nicht ermüden. 

Ah meine Freunde,
Blickt zurück in die Geschichte,
Immer standen Euch
die Türen der anatolischen Menschen offen.
Glaubt mir, sie sind Euch keine Feinde.
Immer boten sie Euch ihre Tafel, ihre Meere,
Ihre Berge und Wälder…

Ah meine europäischen Freunde,
In dieser Heimat in denselben Betten
öffneten unsere Kinder ihre Augen dieser Welt.
Lachen und Tränen verlaufen ineinander.
Seite an Seite standen wir in den Bergwerken
In Bergkamen, Seite an Seite an den
Thyssen Fließbändern, gefärbt mit unserem Blut.
Dieser Wohlstand, den ich mit meinen Händen erschuf,
Kannst Du meine Mühe nicht fühlen in dem Hemd,
dass Du trägst
und schmecken in dem Stück Brot, das Du kaust?


Wie vergesslich Ihr seid, meine europäischen Geschwister
Im gestrigen Krieg wurdet ihr verletzt,
Zur Hilfe eilte ich Euch und versorgte Eure Wunden.
Gemeinsam erbauten wir alles durch Krieg zerstörte.
Vergesslich sind Eure Köpfe und das Geschick Eurer Hände.
Rasch lasst ihr Euch von Feinden
und religiösen Dogmen verblenden.
Ich gebe Euch mein Wort,
Die Menschen aus Anatolien reichen Euch ihre Herzen
wie Blumensträuße.
Jedes Herz verbirgt und offenbart eine Welt.
Wie kannst Du es über’s Herz bringen,
diese Herzen wie leere Glasflaschen auf dem Boden niederzuschmettern.
Als falsche Freunde sind Euch die Feinde nähergerückt
Und füllten Euch mit Vorurteilen. 

In keinem heiligen Buch ist der Platz eingeräumt,
Den Menschen zu schlagen, mit dem Du zusammenlebst,
Den Menschen zu jagen, mit dem Du zusammenlebst,
Die Kinder zu verbrennen,
die Deine Zukunft sind. 

Immer geht Ihr den einfachen Weg, meine europäischen Freunde.
Die Kinder und Schildkröten in Afrika und Asien beschützt Ihr.
Die Kinder, die auf Eurem Boden zur Welt kommen
Erzieht Ihr in Angst und Schrecken,
die dann die Kinder jagen
und anzünden, die mit ihnen
In derselben Heimat zur Welt kamen.
Und Du?
Du schweigst. Mit welchem Recht, mit welcher Feigheit!

Öffnet Eure Augen,
meine europäischen Freunde.
Verfluchte Waffenscharen,
Die Dunkelheit, die ihr Zelt über unserer Welt ausgebreitet hat,
Blut, das Tropfen für Tropfen uns entrinnt.
Die Blumen,
die Tiere
und Kinder,
Ihre Tränen verlaufen ineinander.

Die Tauben erblicken erschöpft den purpurnen Morgen.
Wir alle sind Gäste auf dieser Welt.
Für wachsende Bankkonten werfen wir einander ins Feuer.
In welchem Hafen werden künftige Generationen vertrocknen… 

In den Wellen des nördlichen Meeres bin ich ertrunken,
mit der Flaschenpost in meiner Hand,
die meine Geliebte an den Ufern des Mittelmeeres fand. 

Deine Hoffnungen konnten sie nicht vertreiben.
Sie sandten zwölf weiße Tauben in den Himmel.
Lieder sangen sie, eines ermutigender als das andere,
Als ob sie Vögeln und Fischen prallgefüllte Hände voller Futter
In den Himmel und ins Meer reichten.
Euer Schweigen macht mich wahnsinnig,
meine europäischen Freunde. 

Diejenigen, die Euch erneut in den Krieg leiten wollen,
Haben Euch mit Vorurteilen und Feindschaft erfüllt.
Wie vergesslich Ihr seid,
nach all den vergangenen Kriegen.
Mit Hoffnung auf eine leuchtende Zukunft gaben wir uns
Gemeinsam unserer Arbeit hin.
Gemeinsam errichteten wir die Gebäude und Kaufhäuser,
die in den Himmel ragen,
bauten die Autos und die Wege,
die wir gemeinsam beschreiten.

Freiheit und Gleichstellung sind wie Vögel in unseren Händen,
aus denen sie uns entfliehen.
Glaubt mir, alle Menschen aus Anatolien gaben Euch ihren Fleiß,
Öffneten Euch ihre Türen,
boten Euch ihre Berge,
ihre Meere,
ihre saubere Luft und ihre Herzen. 

Ihr wisst meine europäischen Freunde,
Im Feuer wird Liebe zu Asche, zu Hass.
Mit Eurer Trauer  sinkt Winter in mein Herz,
Mit Eurer Freude erblüht der Frühling in meinem Herz.

Eure Feinde trügen Euch.
Erwacht auch ihr im Frühling endlich aus diesem Winterschlaf
wie die bunten Blumen.
Einheit gab uns das Leben als einen Sinn.
Alle, die uns als fremd bezeichnen,
die uns Euch als Feinde aufzeigen,
wollen Euch in einen Krieg treiben. 

Diese schweren Zeiten erdrücken mein Herz.
Die Rosengärten, die Kinder,
der Frieden und mein Herz lodern im Feuer.
Sie zerstören meine Hoffnungen,
erdolchen die Demokratie. 

Ihr schweigt meine europäischen Freunde,
die Ihr doch immer wieder
“Demokratie – Dialoge – Demokratie” fordert.
Warum verschließt Ihr Eure Augen vor den Mördern?
Brennt nicht wie ich,
meine Freunde… 

Autor: Molla Demirel
Übersetzt aus dem Türkischen: Türkan Kurt

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